Institut für Energietechnik (IET)
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Klimastrategien von Rapperswil bis Madrid

Wer nach dem historischen Wahlsieg der Grünen dachte, dass das Klima endlich in der Politik angekommen sei, wurde spätestens bei der UN-Klimakonferenz COP25 im Dezember 2019 in Madrid bitter enttäuscht. Ein Mitarbeiter des Instituts für Energietechnik (IET) war in seiner Rolle als Mitgründer der Nachhaltigkeitswochen vor Ort und erzählt von seinen Eindrücken und Begegnungen. Um selbst gegen den Klimawandel aktiv zu werden, baut die Hochschule für Technik Rapperswil aktuell einen Klimacluster auf. Dieser hilft Regionen, Gemeinden und Firmen, Klimastrategien zu entwickeln und umzusetzen. 

Die weltweite erste Nachhaltigkeitswoche an einer Universität fand im Jahr 2013 in Zürich statt. Seither wurde das studentische Engagement weltweit aufgegriffen und die Organisation "Sustainability Week International" (SWI) gegründet. Der Mitbegründer, Co-Präsident der SWI und IET-Mitarbeiter Patrick Senn erzählt von seiner Reise im Dezember 2019 nach Madrid an die Conference of Youth COY15 und die anschliessende UN-Klimakonferenz COP25. 

Die Nachhaltigkeitswoche der HSR geht international

Nach der Durchführung einer erfolgreichen Nachhaltigkeitswoche im Jahr 2018 an der HSR hat Patrick Senn in einem Auslandsemester in Kasachstan an der Nazarbayev University in Astana spontan auch dort eine solche unterstützt. Mit beinahe 1'000 Besucherinnen und Besuchern wurde sie ein grosser Erfolg. "Die Zusammenarbeit mit der lokalen studentischen Nachhaltigkeitsorganisation in dem für mich neuen kulturellen Umfeld war eine sehr spannende und lehrreiche Erfahrung. Es entstand dabei die Idee, eine internationale Organisation aufzubauen und so Nachhaltigkeitswochen in anderen Teilen der Welt zu ermöglichen und zu fördern.", sagt Patrick Senn. Daraus entstand die Sustainability Week International, kurz SWI. Inzwischen werden Nachhaltigkeitswochen bereits in zehn Ländern geplant und sollen im Frühjahr 2020 durchgeführt werden. Die internationale Organisation unterstützt dabei die lokalen studentischen Gruppen im Aufbau und in der Durchführung ihrer Nachhaltigkeitswochen.

Teilnahme der Sustainability Week International an der COP25

Für die Klimakonferenz 2019 reiste das Co-Präsidium der SWI, bestehend aus Marie-Claire Graf und Patrick Senn, nach Madrid. Als Mitglied der offiziellen Schweizer Delegation verhandelte Marie-Claire Graf im Auftrag der Schweizer Regierung. Ihre Verhandlungsthemen sind ACE (Action for Climate Empowerment) sowie Gender und Technologietransfer. Patrick Senn ist Mitglied der Schweizer Jugenddelegation (Swiss Youth for Climate) und nahm an beiden Konferenzen (Conference of Youth COY15 und COP25) teil. Er arbeitete aktiv an der Verbesserung von ACE in YOUNGO (Youth NGO) mit, eine Art jugendliche Interessensgemeinschaft der UN-Klimarahmenkonvention.

Das Co-Präsidium des SWI (Sustainability Week International) in Madrid: Marie-Claire Graf im Auftrag der Schweizer Regierung und Patrick Senn als Teil der Schweizer Jugenddelegation.

Infobox: Was ist ACE?

ACE bedeutet Aktion zur Stärkung des Klimas (Action for Climate Empowerment). Es besteht aus sechs Elementen: allgemeine und berufliche Bildung, Sensibilisierung der Öffentlichkeit, Beteiligung der Öffentlichkeit, Zugang der Öffentlichkeit zu Informationen und internationale Zusammenarbeit. Auf diesem Gebiet arbeiten nicht nur Regierungen und die UNFCCC, sondern auch viele Nichtregierungsorganisationen. ACE wurde nicht nur im Pariser Abkommen (Art. 12) niedergeschrieben, sondern auch bereits im Übereinkommen von 1992 (Art. 6). Das Doha-Arbeitsprogramm legt detaillierter fest, was zur Verbesserung von ACE getan werden sollte und wird 2020 erneuert.


Jugendkonferenz im Vorfeld der COP25

Das offizielle Treffen der YOUNGO-Mitglieder findet jedes Jahr auf der Jugendkonferenz (COY) statt, die drei Tage vor der Klimakonferenz (Conference of the Parties - kurz COP) stattfindet. Diese Jugendkonferenz wird von den Jugendorganisationen des jeweiligen Gastlandes organisiert und dient als Vorbereitungssitzung für Jugendorganisationen, um Positionspapiere zu entwickeln, sich zu vernetzen und strategische Diskussionen über Lösungsansätze für den Klimawandel zu führen. Über diese Jugendkonferenz sagt Patrick Senn im Rückblick: "Die Beiträge und Gespräche an der COY15 waren zugleich faszinierend und ernüchternd. Die Aktivitäten und das Engagement einzelner Personen war sehr beeindruckend. Doch bei anderen ging es leider oft nur um Profilierung und darum, den zugewiesenen Timeslot in der Redeliste zu füllen. Die Wirksamkeit der Jugendkonferenz leidet unter der etwas chaotischen Ausführung. Die während der COY15 erarbeiteten Stellungsnahmen und Lösungsansätze wurden von den Vertreterinnen und Vertretern der offiziellen Klimakonferenz bestenfalls zur Kenntnis genommen."

Fehlende Unterstützung der Jugendbewegung durch die Politik

Zur COP25, der offiziellen UN-Klimakonferenz, und dessen unbefriedigenden Ergebnissen meint Patrick Senn: "Die Ergebnisse der COP25 in Madrid blieben hinter den Erwartungen zurück, aber eines erschien mir noch enttäuschender: Die Leader der Welt unterstützen das Handeln der Jugend immer noch nicht. In jeder wichtigen Rede auf der COP wurde zwar betont, dass die Jugend gestärkt werden muss, geändert hat sich jedoch nichts. Viele junge Menschen arbeiten ehrenamtlich in Organisationen oder auf eigene Faust, um den Klimawandel zu bekämpfen. Wir investieren unsere Freizeit und unsere eigenen (begrenzten) finanziellen Mittel. Die jetzigen Leader dagegen versäumen es, trotz guter Bezahlung, ihre Aufgaben im Umwelt- und Klimaschutz wahrzunehmen. Die Jugend hat bereits bewiesen, dass sie handeln kann, aber unsere Ressourcen sind begrenzt. Jetzt ist es an der Zeit, dass die Staats- und Regierungschefs uns mit den erforderlichen Ressourcen unterstützen, damit wir unseren Beitrag zur Lösung der Klimakrise erhöhen können. Wir werden weitermachen!". Für die Schweiz wünscht er sich, dass diese eine Vorreiterrolle übernimmt und sich national und international aktiv für wirksamen Klimaschutz einsetzt.

Gründung des Klimaclusters an der HSR

Auch wenn der Klimaschutz auf internationaler Ebene harzig vorangeht, können lokal bereits Massnahmen ergriffen werden. Um ihre für Klimastrategien relevanten Kompetenzen zu bündeln und zur Verfügung zu stellen, wird an der HSR aktuell der sogenannte Klimacluster aufgebaut. Dieser dient als Wissensplattform für die Erarbeitung von Klimastrategien auf planerischer, technischer und sozialer Ebene. Seit Jahren und Jahrzehnten ist die HSR an wichtigen Klima- und Nachhaltigkeitsprojekten in Industrie und Gemeinden beteiligt. Dabei kann eine grosse Bandbreite von Projekten abgedeckt werden (siehe Infobox unten). "Mit dem Klimacluster bringen wir die drei Bereiche Technik, Planung und Gesellschaft zusammen, damit die Klimaproblematik mit vereintem Wissen angegangen werden kann. Somit können wirtschaftlich tragbare Lösungen für Gemeinden und Gewerbe gefunden werden", ist Zoe Stadler überzeugt. Sie ist Mitinitiantin und Geschäftsführerin des Klimaclusters. Weiter fügt sie hinzu: "Alle, die sich jetzt entscheiden zu handeln, können sich den sogenannten First-Mover-Advantage sichern. Je länger gewartet wird, desto überstürzter und damit auch kostenintensiver wird sich der Wandel gestalten."

Städte, Gemeinden, Unternehmen und Planungsbüros sind vor Herausforderungen und Unsicherheiten gestellt, welche mit den anstehenden notwendigen Klimaschutzmassnahmen einhergehen. Zur Erreichung der Klimaziele sind konkrete Strategien und ganzheitliche Ansätze notwendig. Der Klimacluster hilft bei der Entwicklung von Vermeidungs- und Anpassungsstrategien und richtet sich konkret an Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus der Industrie, dem Gewerbe, Verbänden, Politik und Verwaltung.

Strukturierte Erarbeitung von Klimastrategien

Möchte beispielsweise eine Region oder eine Gemeinde ihre Klimaziele erreichen, unterstützt der Klimacluster bei der Formulierung von Zielen, bei der Umlegung der Ziele auf konkrete Massnahmen und der Erarbeitung von Handlungsoptionen. Damit die Massnahmen möglichst breit abgestützt sind, ist auch der Miteinbezug von Energieversorgern, Industrie und Bevölkerung wichtig. Eine weiteres Angebot des Klimaclusters bildet die Umsetzung von Anpassungsstrategien an den Klimawandel, wie zum Beispiel die Vermeidung von Hitzeinseln und die Bildung ökologischer Nischen. Nicht nur die öffentliche Hand, sondern auch für Arealentwicklerinnen und Arealentwickler können solche Strategien interessant sein, in ihrem Fall wird der Fokus auf ein einzelnes Quartier oder einen Gebäudekomplex gelegt.

Klimaschutzziele stellen auch Unternehmen vor grosse Herausforderungen. Der Klimacluster unterstützt die Industrie in der Strategieentwicklung zur Erreichung von Treibhausgasreduktionszielen, die je länger je wichtiger werden. Ein weiterer Bereich ist das Technologiescouting und die Strategieentwicklung für den Einsatz zukünftiger Technologien und deren Absatzmarkt. Auch Veränderungen in der Ausbildung und in Branchenstrategien werden thematisiert. Beispielsweise stellt sich die Frage, wie eine ein/e zukünftige/r Automechaniker/in ausgebildet sein muss.

Der Klimawandel setzt alle vor grosse Herausforderungen, ob auf politischer oder wirtschaftlicher Ebene, im persönlichen Alltag oder in internationalen Verhandlungen. Lösungen müssen erarbeitet und Massnahmen umgesetzt werden. Die HSR hat die Herausforderungen erkannt und verbindet Wissen, Industrieerfahrung und persönliches Engagement um gemeinsam gegen den Klimawandel aktiv zu werden.

Erste HSR Klimakonferenz

Am 21. April 2020 findet an der HSR die erste Klimakonferenz statt. Dort werden verschiedene konkrete und sofort umsetzbare Massnahmen zur Erreichung von Klimazielen aufgezeigt. Das Programm und weitere Informationen finden Sie auf unserer Webseite

 

Kontakt Sustainability Week International: Patrick Senn, patrick.senn@hsr.ch, https://sustainability-week.org/

Kontakt Klimacluster und Klimakonferenz: Zoe Stadler, zoe.stadler@hsr.ch, www.klimacluster.ch

Jahrestemperatur Schweiz 1864 - 2019. Quelle: MeteoSchweiz

Info: Klimakompetenzen an der HSR

Technisch

IET – Institut für Energietechnik: Das IET ist Forschungs- und Entwicklungspartner im Bereich Energie mit Kompetenzen in Energieoptimierung, Energiekonvertierung, Energieeffizienz, Sektorkopplung und erneuerbare Energien. Dazu gehört unter anderem:

• Power-to-Gas und Power-to-X
• Alternative Antriebe für ÖV, Schifffahrt und Transportverkehr
• Gebäudetechnik: Wärmesysteme für Gebäude und Areale (z.B. Wärmenetze)
• Windenergie

SPF – Institut für Solartechnik: Das SPF weist unter anderem Kompetenzen in den Gebieten Systemsimulationen, PV-Systemtechnik, Solarthermie, PVT, Wärmepumpen, Gebäudetechnik, Wärme- & Kältenetze, Wärmespeicher  und Hybridspeicher (Wärme und Strom) auf. Beispiele für Projekte sind:

  • Zeitaufgelöste integrale Simulation der Energieversorgung (Strom, Wärme)
  • Potentialanalyse PV
  • Solarthermie für Gebäude, Wärmenetze, Prozesswärme
  • Entwicklung von Solarkollektoren und PVT-Kollektoren
  • Massnahmen zur Erhöhung der Sanierungsrate von Gebäuden, Energy Performance Gap und Nutzerverhalten
  • Anergienetze mit Nutzung von Seewasser und/oder industrieller Abwärme und Erdsondenfeldern
  • Solares Kühlen
  • Schichtungseffizienz von Wärmespeicher, Sorptionswärmespeicher, Speicherung von Energie in Aluminium (Power-to-Al)

UMTEC – Institut für Umwelt- und Verfahrenstechnik: Das UMTEC arbeitet und forscht in den folgenden Bereichen:

  • Wasser und Abwassertechnik
  • Geruch
  • Rohstoffe und Verfahrenstechnik

Letzteres umfasst die Modellierung von Stoffkreisläufen, Ökobilanzen und die Entwicklung von Recyclinglösungen. Das UMTEC bietet Studien zur umwelt- und sozialgerechten Produktion von Metallen aus Primär- und Sekundärressourcen an.

WERZ – Institut für Wissen, Energie und Rohstoffe Zug: WERZ ist das Kompetenzzentrum für Energie und Ressourceneffizienz in Unternehmen. Beispiele für Projekte sind:

  • Verstehen und Wissensaufbau der aktuell verfügbaren Technologien (Konzeption und Durchführung von Bildungsangeboten auf diversen Ebenen, wie Berufsbildung, berufliche Weiterbildung, Studium, Firmenkurse)
  • Umfeld-Analyse des CO2-Systems
  • Beratungsprogramme Ecozug / Öko-Kompass für kleingewerbliche Betriebe
  • Nationales Netzwerk für Ressourceneffizienz in der Industrie: www.reffnet.ch

Planerisch

IBU – Institut für Bau und Umwelt: Das IBU unterstützt seine Partner bei der Entwicklung von wirtschaftlich tragfähigen Lösungen für:

  • Bauprozesse
  • Bauprodukte
  • Geschäftsmodelle im Bauwesen

Die Fachstelle "Bau- und Ressourcenmanagement" entwickelt Planungsinstrumente und –verfahren im nachhaltigen Infrastrukturbau mit Schwerpunkt auf Lebenszykluskosten und Ressourcenmanagement (z.B. für mineralische Baustoffe). Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den Fachstellen für Umweltingenieurwesen und Bau- und Ressourcenmanagement richten sie ihre Arbeit konsequent an Zielen des nachhaltigen Bauens aus.

ILF – Institut für Landschaft und Freiraum: Das ILF ist in den folgenden Themenfeldern aktiv:

  • Attraktive Wohnumfelder und Naherholungsangebote zur Reduktion der Mobilität (Freizeit, Ferien).
  • Vermeidung von Hitzeinseln in Städten durch planerische und gestalterische Massnahmen
  • Schaffung von Bewusstsein von Nachhaltigkeit durch Tätigkeiten in Gärten.
  • Förderung von lokalen Materialien und Förderung von nachhaltigen Praktiken im Quartier (der Garten als Begegnungsort, z.B. Sharing)
  • Gestaltung von Grünräumen mit vielfältigen Pflanzen und Bäumen
  • Förderung der Biodiversität im Siedlungsraum mit positiven Auswirkungen auf das Stadtklima.
  • Förderung und Gestaltung von Gewässern im Siedlungsraum, Schaffung von Retentionsräumen

IRAP – Institut für Raumentwicklung: Das IRAP forscht, berät und schult transdisziplinär in den Feldern Raum-, Verkehrs- und Stadtplanung. Es fokussiert sich hierbei hauptsächlich auf funktional stark vernetzte und dichter besiedelte Räume der Schweiz, ihre Herausforderungen für Planungspolitik und -praxis sowie handlungsorientierte Lösungen für deren nachhaltige Weiterentwicklung.

  • Raumplanungs-Methoden und -Instrumente: Management von Planungsprozessen, GIS als Planungswerkzeug, Weiterentwicklung der Planungsinstrumente und zukunftstaugliche Raumstrukturen.
  • Verkehrsplanung und Mobilität: Nachhaltige Mobilitätskonzepte, Beeinflussung der Verkehrsmittelwahl, intelligente Bewirtschaftung und Gestaltung von Verkehrsräumen sowie laienverständliche Verkehrsmodellierung.
  • Stadtplanung und Städtebau: Qualitätsvolle Verdichtung, Siedlungs- und Quartiererneuerung sowie städtebauliche Entwurfsmethodik.

Sozial

IKIK – Institut für Kommunikation und interkulturelle Kompetenz:

  • Kommunikation
  • Stakeholdermanagement

ikik ist Partner für angewandte Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der zwischenmenschlichen Kommunikation. Im Kontext des Klimaclusters begleitet ikik den Veränderungsprozess unter Einbezug aller Beteiligten/ Stakeholder (Hochschule, Stadt/Gemeinde, Energieversorger, Verkehrsbetriebe,…).


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